(Leseprobe) "Die in die Tischplatten eingelassenen Spiegelscheiben hatte man schon nach Tagen wieder entfernt, weil man feststellen musste, dass für die meisten die Konfrontation mit dem Hunger und der Leere in den eigenen Augen, wenn sie sich zum erlösenden Atemzug über den Tisch beugten, unerträglich war, das weiß ich, weil ich selbst vor der Spiegelung meines längst nicht mehr gefühlten, aber aus den Augen schreienden Elends erschrocken zurückgefahren war. Ich hatte erst wieder nach den großzügig überall bereitliegenden Tütchen mit dem weißen Pulver gegriffen, als die Spiegelflächen durch Platten aus schwarzem Marmor ersetzt worden waren. Ich fuhr meist nach der ersten Linie Kokain mit einer oder auch mehreren dieser stets Verfügbaren in eines der nahe gelegenen Hotels, wo man mir, als habe man früher von meiner Ankunft erfahren als ich, diskret einen Schlüssel für eine der Suiten in die Hand drückte. Auf den Parties hatte sich schnell herumgesprochen, wer ich war, und dass ich mit dem Erbe meines Vaters, er hatte mir einen Pharmakonzern hinterlassen, den ich schon kurz nach seinem Tod verkaufte, mehr als großzügig umging, und die Frauen versuchten auf jede nur denkbare Weise, auf sich aufmerksam zu machen. Dass ich verheiratet war, störte sie ebenso wenig wie mich. Wir verbrachten ein paar Stunden im Hotel, und wenn ich von ihnen genug hatte, ging ich ins Bad, wusch mir den Ekel aus dem Gesicht, warf beim Weggehen ein paar Geldscheine zwischen die nackten und besudelten Körper und verschwand, ohne mich noch einmal umzudrehen, weil ich die Gier in ihren Augen nicht sehen wollte, und wie ihre Hände wie Schlangenköpfe vorschnellten, um die größten Scheine zu erwischen, bevor eine andere sie hätte nehmen können. Ich wollte nicht, dass meine Illusion zerstört würde, sie hätten was auch immer ich von ihnen verlangt hatte nur getan, weil sie mich begehrten, ja vielleicht sogar liebten, und an der ich festhielt wie ein verzweifeltes mutterloses Kind, auch wenn ich diesen Irrsinn im Grunde längst als solchen erkannt hatte. Und trotzdem, wie um mir zu beweisen, dass es vielleicht doch kein Irrsinn war, forderte ich immer absurdere, abscheulichere Dinge von ihnen, die noch nicht einmal mehr mir Lust bereiteten, sondern mir nur zeigen sollten, wie weit sie für mich zu gehen bereit waren. Das war auch der Grund, warum ich inzwischen keines dieser Mädchen ein zweites Mal mitnahm, ich hatte Angst vor dem Moment, wo ich ein wenn auch nur winziges Zögern in ihren Augen aufblitzen sehen, einen kaum merklichen Widerstand spüren würde, wenn ich, wie ich es mir angewöhnt hatte, im Vorübergehen die rechte Hand für einen Augenblick sanft auf der Schulter der Mädchen meiner Wahl ruhen ließ, was, wie jede von ihnen inzwischen wusste, bedeutete, dass ich mit ihnen diesen Totensaal verlassen und irgendwo auf einem Hotelbett vögeln wollte, bis es mir genug war. Ich begegnete einigen von ihnen auf dieser oder jener Party wieder, aber mein Interesse war stets von dem Moment an erloschen, an dem sie sich mit vorgetäuschtem Vergnügen so lange mit meinem Schwanz befasst hatten, bis er irgendwann in sich zusammensank, und ich hätte in jenen Augenblicken nie wirklich sagen können, ob das aus ausgelebter Lust oder aus Langeweile oder viel mehr noch aus Angst geschah. Vermutlich war es von allem etwas, aber die Angst überwog letztlich immer bei weitem, auch wenn ich mir das nicht wirklich eingestehen mochte. Ihre rot geschminkten, lockenden Münder erschreckten mich, sobald ich in ihnen war, obwohl ich den ganzen Abend über an nichts anderes hatte denken können als an die befreiende Erlösung, die ich mir jedes Mal davon erhoffte, die sich aber nie einstellte, weil all diesen Mädchen das Wesentliche fehlte: Zwischen den Beinen einer Frau musst du das Meer riechen, salzig und rau, die ungestüme Freiheit, mit der sie dich beschenkt, nachdem sie dich aufgenommen und wieder zurückgegeben hat, und auch das mütterlich tröstende Dunkel des Waldes, sanft verschattete Moospolster, aus denen erdig duftende Pilze wachsen. Stille. Frieden. Diese Mädchen verströmten nur den hastig im Bad aufgesprühten Duft teurer Parfums, sie schienen nicht im Entferntesten um die Magie des weiblichen Duftes zu wissen, und das ernüchterte mich jedes Mal so, dass ich jegliche Lust verlor und nur noch so rasch wie möglich entrinnen wollte. Ich brachte die Begegnungen, in die ich jedes Mal so viele Hoffnungen setzte, dann immer schnell hinter mich, indem ich die Augen schloss und mir genau das vorstellte, was ich tatsächlich gerade erlebte, aber nur als Fantasie wirklich genießen konnte: dass ein paar schöne junge Frauen keine Stelle meines Körpers ausließen, auch nicht die von einem Messerstich stammende unschön verwachsene Narbe unter meinem Herzen, bis ich schreiend und um mich schlagend so heftig kam, dass sie sich erschrocken bis an den äußersten Rand des Bettes zurückzogen. Das war meine Lieblingsfantasie, das, was mich am meisten erregte: Wenn sie mich schon nicht liebten, so sollten sie wenigstens Angst haben vor mir. Alexa trug alles mit sich, Meer und Wald, Dunkles und Helles, und alles, was dazwischen und jenseits davon lag, und mit ihr zu schlafen war anders als alles, was ich bis dahin erlebt hatte, man kann es nicht beschreiben, wer kann von sich sagen, er könne die Brandung beschreiben, die am einen Tag brausend und gewaltig und ängstigend ist und am anderen sanft und vorsichtig und leise, und doch ist es immer dasselbe Meer. Es war jedes Mal anders, aber immer war es im tiefsten Moment so, als werde ein Vorhang weggezogen und du schaust auf ein Licht, ein Licht, das größer ist als alles, was du kennst, ein Feuer, das dich verzehrt und dich im selben Augenblick neu hervorbringt, als ein anderer, als ein Liebender, und ich weiß nicht, wie ich all das je hatte vergessen können. Die meisten dieser Frauen, die ich wahllos mit mir nahm, waren sicherlich schöner als Alexa, und doch, keine einzige wie sie, keine wie Alexa. Und wohl auch keiner wie ich, wie ich daran erkannte, dass Alexa zwar wechselnde Liebhaber hatte, aber mich gegen keinen von ihnen ersetzte. Denn wir nahmen zwar das Fremde, aber es musste fremd bleiben, weil wir einander auf immer die Vertrauten waren, doch das begriff ich erst viel später." "Limbus" wurde aufgenommen in die Sammlung des Max-Kade-Zentrums für deutschsprachige Gegenwartsliteratur, St. Louis/USA. Rezensionen bei AMAZON:
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